Bogen-DM Wiesbaden: Dramatik, Stechen und Tränen
Die abermalige Bogen-Party in Wiesbaden ist beendet, der letzte Pfeil der siebten Deutschen Meisterschaft in Hessens Landeshauptstadt schlug um exakt 16.17 Uhr auf der 70m entfernten Scheibe auf dem Bowling Green ein. Als neue Titelträger mit dem Recurvebogen durften sich Johanna Klinger (PSV München) und Mathias Kramer (BSC Werlte) von den Zuschauern und der anwesenden Prominenz feiern lassen.
Am dritten und finalen Tag der Deutschen Meisterschaften Bogensport in Wiesbaden meinte es Petrus nicht mehr so gut mit den Athletinnen und Athleten. Bereits am Vormittag setzte Regen ein, der auch am Nachmittag blieb. Der guten Stimmung und den Leistungen tat dies jedoch keinen Abbruch, und auch die Prominenz aus der (Sport-)Politik - Hessens Finanzminister Prof. Alexander Lorz, Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende sowie DOSB-Präsident Thomas Weikert waren ebenso vor Ort wie DSB-Präsident Hans-Heinrich von Schönfels - trotzte dem Wetter und feierte die Sportlerinnen und Sportler.
Recurve Frauen: „Cinderella-Story“ endet mit Silber
Vor der DM hatte Elisa Tartler (SV Bavaria Thulba) ihren Rücktritt vom Leistungssport erklärt. Dies schien die 27-Jährige zu beflügeln, denn sie stürmte als Qualifikations-Erste souverän in das Goldfinale. Dort bekam sie es mit Johanna Klinger (PSV München) zu tun, die sich ebenfalls in starker Form präsentierte und als zweite der Qualifikation folgerichtig auch im Finale stand. Und dementsprechend hochklassig und spannend verlief das Match: 2:0, 2, 3:3, 3:5, 5:5 (29-26, 25-28, 27-27, 24-28, 28-27) lautete die Satzfolge, sodass folgerichtig ein Stechen über den Titel entscheiden musste: In diesem legte Tartler eine gute Neun vor, die Klinger mit einer Zehn zu ihrem ersten Titel bei den Frauen konterte: „Der Titel bedeutet mir recht viel. Ich habe das Jahr über nicht so die Leistung bringen können, wie ich wollte. Deshalb ist der Abschluss sehr gut“, so die neue Meisterin, die aufgrund der besonderen Konstellation um Tartler einen Vorteil hatte: „Es war ein bisschen leichter für mich: Denn egal, wie es ausgegangen wäre, hätte ich mich gefreut.“ Auch Tartler war letztlich zufrieden, auch wenn sie gestand: „Ich war supernervös, weil es mein letztes Match bei den Deutschen Meisterschaften und im Bogensport überhaupt war (Bundesliga schießt sie weiter, Anm. d. Red.). Das war in meinem Kopf: Ich möchte versuchen, nur Spaß zu haben, aber jetzt möchte ich den Abschluss perfekt machen.“ Und so gab es Lachen und Tränen gleichermaßen zum Abschied für eine tolle Sportlerin.
Bronze ging an Elina Idensen (BSC BB-Berlin) nach einem 6:5 (25-26, 28-27, 27-25, 26-27, 27-27, 8:8) im Stechen gegen Titelverteidigerin Charline Scheiding (GS Boxdorf).
Recurve Männer: Mathias Kramer mit Nerven aus Stahl
Im Goldmatch der Recurve-Männer kam es zum Duell zweier Team-Europameister: Jonathan Vetter (SGi Ditzingen) und Mathias Kramer (BSC Werlte) gewannen im Mai in Antalya/TUR gemeinsam Gold, nun ging es erneut um Gold, aber gegeneinander. Vetter erwischte den besseren Start (29-27) und zeigte sich auch in der Folge bei Nieselregen beständiger. Keiner seiner ersten sechs Pfeile verfehlte das „Gold“ (10 oder 9), sodass auch Satz zwei an den Württemberger ging (28-27) und er seinen Kontrahenten somit unter Druck setzte. Doch dieser konterte, gewann den dritten Satz (27-28), weil Vetter mit seinem neunten Pfeil erstmals das „Gold“ verfehlte. Beide Athleten waren nun „voll“ drin, die Pfeile rauschten nur so in das Zentrum, das 29-29 und der Zwischenstand 5:3 war die Folge. Vetter reichte somit ein weiteres Unentschieden, doch Kramer schlug erneut zurück und konnte durch ein 27-26 zum 5:5 ausgleichen und das entscheidende Stechen erzwingen. In diesem legte Vetter lediglich eine Acht vor, die Kramer locker mit einer Neun zum Titelgewinn übertrumpfte: „Ich wollte von dem weg, einen relativ entspannten Schuss zu machen. Ich wollte die Zehn schießen, dann ist man auf der sicheren Seite“, sagte Kramer nach seinem finalen Schuss, der ihn zum wiederholten Mal auf dem Bowling Green zum Champion machte: „Es ist mein erster DM-Titel bei den Männern, nachdem ich bei den Junioren hier schon zweimal gewonnen hatte. Es ist immer wieder ein tolles Gefühl zu gewinnen, egal in welcher Klasse. Aber im zweiten Jahr bei den Männern zu zeigen, dass ich zu Deutschlands Spitze zähle, ist schön.“
Moritz Wieser (FSG Tacherting), der dritte Team-Europameister, setzte sich im Bronzematch gegen Andreas Mayr (Edelweiß Thierhaupten) 6:2 (28-27, 27-27, 29-29, 28-23).

Recurve Juniorinnen: Im letzten Jahr erstmals ganz oben
Im Goldfinale standen sich die Berliner Teamkolleginnen Lisa Lucks und Melina Koepper (beide BSC BB-Berlin) gegenüber. Lucks war Titelverteidigerin und startete mit einer beeindruckenden 30-er Passe in das Finale. Doch Koepper ließ sich davon nicht beirren und schoss ihren Rhythmus mit einem kleinen psychologischen Trick: „Ich habe mir vor Augen geführt, dass ich auf jeden Fall eine Medaille bekomme und es mir nicht unbedingt wichtig ist, dass ich Erster oder Zweiter werde.“ Das klappte, wobei das Ende dramatisch war: Lucks setzte ihren ersten Pfeil neben die Scheibe und sorgte somit dafür, dass Koepper erstmals und in ihrem letzten Juniorinnen-Jahr mit dem 7:3 (24-30, 26-24, 27-27, 26-25, 28-18) einen Einzel-Titel gewinnen konnte: „Ich habe gar nicht mitbekommen, was sie geschossen hat. Es ist einfach schön, dass ich das so gut abschließen konnte.“ Nach der langen Heimfahrt nach Berlin erwartet sie morgen eine kleine Feier: „Vielleicht gehe ich mit meinen Eltern morgen essen.“ Bronze sicherte sich die letztjährige Vierte Regina Kellerer (BSG Raubling), die sich nach einem 5:5 (27-23, 27-27, 26-26, 27-27, 28-30) mit 9:7 im Stechen gegen Frida Janke (BSSC Olympia) durchsetzte.
Recurve Junioren: Leon Zemella krönt beeindruckendes Jahr
Bis dato hatte Leon Zemella (BSC Ibbenbüren) noch keinen Einzel-Titel im Freien gewinnen können, zwei Mal war er Dritter geworden. Doch der 20-Jährige hat eine beeindruckende Entwicklung in diesem Jahr genommen, u.a. bei seinem ersten Weltcup in Shanghai/CHN an der Seite von Michelle Kroppen Bronze gewonnen, von daher war das 7:3 (27-27, 29-28, 27-29, 27-25, 28-26) im Goldfinale gegen Jakob Weske (SV Erfurt West) eine fast logische Konsequenz, für die Zemella auch einen Erklärungsansatz hatte: „Ich habe dieses Jahr den Sportfördergruppenplatz der Bundeswehr erhalten, konnte deshalb sehr intensiv und sehr gut trainieren.“ Nun wechselt er nach München, um dort dauerhaft im Männer-Kader zu wirbeln mit Rückenwind von der DM: „Es ist ein richtig gutes Gefühl, jetzt hier den ersten Platz zu machen. So eine gute Saison mit dem DM-Titel abschließen zu können, ist überwältigend.“ Knut Jacubczik (VfL Tremsbüttel) kletterte nach einem 6:0 (28-26, 27-26, 28-26) gegen Titelverteidiger Lilian Forkert (SV Sterzhausen) als Dritter ebenfalls aufs Treppchen.
Recurve Master Frauen & Männer: Bianca Speicher verteidigt Titel
Einen Titel zu gewinnen, ist schon schwierig genug, einen Titel zu verteidigen noch eine Stufe härter. Nicht aber für Bianca Speicher (Burgschützen Büschfeld), die mit 640 Ringen und einem Vorsprung von jeweils 22 Ringen souverän ihren Sieg aus dem Vorjahr wiederholte und Kerstin Koch (KKS Edemissen) sowie Britta Körber (BSC Wunstorf) auf die Plätze verwies. Bereits nach der letzten Passe gratulierte die Konkurrenz: „Es war die totale Freude. Ich freue mich aber immer erst, wenn ich es schwarz auf weiß sehe.“ Dabei war nicht nur die Konkurrenz zu besiegen, sondern auch ihre Erwartungshaltung: „Es war schon mein Ziel, meinen Titel zu verteidigen, und deshalb war der Druck, den ich mir selbst gemacht habe, schon hoch.“
Bei den Männern war Dirk Schepers (1. Berliner Bogenschützen) in beiden Durchgängen bester Schütze. Demnach bedeuteten die 644 Ringe logischerweise den Titelgewinn: „Ich kann es noch nicht so richtig fassen und habe es auch nicht so richtig geglaubt, als mir Freunde gratuliert haben. Die Tiefen waren weniger, die Höhen waren klasse. Ich habe mich nur auf mich konzentriert“, so Schepers, der zuletzt „täglich dafür trainiert hat.“ Silber ging an Markus Zellmann (BC Oberauroff), Bronze an Udo Weyhersmüller (SGi Ditzingen).
Blank Frauen & Männer: Diana Wiesner setzt Siegesserie fort
Diana Wiesner (BSV Ulm) hat das geschafft, was drei anderen Athleten bei der diesjährigen DM verwehrt blieb: Wiesner gewann nicht nur zum dritten Mal in Serie den Titel, sondern zum fünften (!) und feierte mit 23 Ringen Vorsprung vor Julie Jakobs (Polizei SV Wengerohr) und Denise Hacheney (SSV Widerhold Singen) dieses außergewöhnliche Ergebnis. Dabei legte sie vor allem in der zweiten Hälfte mächtig zu, nachdem sie zur Halbzeit „nur“ drei Ringe Vorsprung aufwies: „Als Titelverteidigerin hierhin zu kommen, ist immer aufregend. Von daher habe ich die letzten zwei Nächte nicht so gut geschlafen, aber ich habe mich auf meine drei Punkte konzentriert.“ Das klappte perfekt, als der Titel feststand, „liefen sofort die Tränen. Ein überragendes Gefühl.“
In der Männer-Konkurrenz setzte sich am Ende der mehrfache Titelträger Timo Durchdewald (SV Nieder-Florstadt) durch. Dabei war er zur Halbzeit „nur“ Dritter, steigerte sich aber in der zweiten Hälfte um elf Ringe, während die Konkurrenz nachließ. Mit 637 Ringen hatte er am Ende elf Ringe zwischen sich und Timo Heydasch (ETG Wuppertal) sowie vier weitere Ringe auf Titelverteidiger Jan Stollberg (SV zu Glindow 1924) gelegt. „Der Titel ist dahingehend besonders, da es mein letztes Jahr bei den Herren ist und ich nächstes Jahr in die Master-Klasse wechsele“, so Durchdewald.
Blank Master w/m: Technik-Fan Christian Thim ganz vorne
Christian Thim (SG-Wolfschlucht) hatte seinen DM-Titel quasi schon nach der Hälfte des Wettkampfes in der Tasche: Satte zehn Ringe Vorsprung hatte er sich nach 36 Pfeilen erarbeitet, und die gab er auch nicht mehr her, denn auch in Hälfte zwei schoss keiner besser als er. Mit 639 Ringen verwies er Wilhelm Dillinger (TV Kirchdorf am Inn, 623) und Günther Conrad (TuS Land Hadeln, 618) auf die Plätze. „Ich habe mich Passe für Passe konzentriert, und es ist sehr gut gelaufen.“ Dazu überließ er auch nichts dem Zufall: „Ich bin Fan von Technik abstimmen, Pfeil und Bogen zu tunen, alles muss bis ins kleinste Detail passen. Dazu kommt das richtige Training.“ Und das Ergebnis ist der Titel.
Ganz anders verhielt es sich mit der neuen Titelträgerin in dieser Klasse: Kerstin Bodenstein-Broghammer (WTS Freiburg) lag nach 36 Pfeilen mit acht Ringen Rückstand „nur“ auf Rang drei, gab dann aber richtig Gas und distanzierte die Konkurrenz noch deutlich. Nach 72 Pfeilen hatte sie 588 Ringe auf dem Ergebniszettel, Sandra Dölitzscher (Privileg. SG Gera) und Bianca Klotzsche (SV Dauernheim) folgten mit 567 bzw. 563 Ringen dahinter.
Blank Senioren: Gerold Heuser bleibt ruhig und konzentriert
Bei den ältesten Teilnehmern mit dem Blankbogen, den Senioren, ging es am engsten zu: Gerold Heuser war am Ende der glückliche Sieger, weil er nicht damit gerechnet hatte: „Als ich den Aushang sah, war ich überrascht, weil ich bei Passe vier gepatzt und nur 35 Ringe geschossen habe.“ Doch Erfahrung ist in dieser Klasse naturgegeben und so hieß die Devise von Heuser: „Ruhig bleiben und konzentriert weiterschießen.“ Das gelang, sodass er mit 580 Ringen vor Frank Scharnhorst (BSC Clauen, 576) und Theo Külbs (TG Waldsee, 575) ins Ziel kam.
Blank Jugend: Theresa Mitterer mit Rekord zum Titel
Erste DM-Teilnahme, erster DM-Titel und das mit neuem deutschem Rekord: Für Theresa Mitterer (Alztaler Schützen Emmerting) hätte der Ausflug nach Wiesbaden wohl kaum besser enden können. Mit 558 Ringen steigerte sie den Rekord um exakt einen Ring, den zweitplatzierten Markus Krinn (SG 1896 Seckenheim), der zur Halbzeit noch zwei Ringe vornelag, distanzierte sie um fünf Ringe: „Zur Halbzeit wusste ich, dass ich Zweite mit zwei Ringen Rückstand war, aber ich habe generell nicht auf die Ergebnisse draufgeguckt, das ist auch besser.“ Zumal es ihr erster DM-Auftritt war: „Es ist schon etwas anderes als eine bayerische oder oberbayerische Meisterschaft. Ich hatte schon etwas Muffensausen, ich kannte aber einige, von daher war es ganz lustig. Ich wollte einfach mein Bestes geben.“ Bronze gewann Arian Griebel (SV Stahl U-born Bogen).
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