DSB-Themenwoche: „Wer in den Kader will, muss jonglieren können“

Erstellt von Manuel am Dienstag, 12.01.2021 21:18:12 | Kategorie Deutscher Schützenbund

Jonglieren, Dart spielen, Tischtennis – auch das gehört für Schnellfeuerpistolen-Bundestrainer Detlef Glenz zum Training eines Schützen. Weil es einen wichtigen Aspekt fördert: Die Koordination. Im Interview äußert sich Glenz zu der Bedeutung der Koordination für den Schießsport und wie man diese am besten trainiert.

Herr Glenz, welchen Stellenwert nimmt die Koordination beim Schießen ein?
Glenz: „Je dynamischer eine Disziplin und je komplexer ein Bewegungsablauf, desto wichtiger ist die Koordination. Im Liegendschießen ist wahrscheinlich die Koordination weniger wichtig als beispielsweise beim Flintenschießen, wenn auch nicht vernachlässigbar. Dafür muss man in den wenigen Bewegungen, die man macht, äußerst präzise sein.“

Beim Schnellfeuerschießen müssen da schon mehr Bewegungen aufeinander abgestimmt sein. Wie trainiert ihr die Koordination?
Glenz: „Jonglieren gehört bei uns zur Grundausbildung. Das muss jeder können.“

Schießen ist zu 100 Prozent Koordination.

Detlef Glenz, Bundestrainer Schnellfeuerpistole

Mit wie vielen Bällen können Sie selbst jonglieren?
Glenz: „Mit drei Bällen. Aber als Trainer muss ich nicht alles besser können als meine Sportler. Ich muss nur wissen, wie es geht. Wenn ich so gut schießen könnte wie meine Sportler, wäre ich der Olympiasieger.“

Wer ist der Jongliermeister im Schnellfeuer-Team?
Glenz: „Ich denke Christian Reitz und Aaron Sauter. Das sind unsere besten Jongleure, was aber nicht automatisch heißt, dass dies auch die besten Schützen sind.“

Warum gehört das Jonglieren zu eurer Grundausbildung?
Glenz: „Im Schießsport dreht sich generell viel um die Auge-Hand-Koordination. Bereits im Nachwuchsbereich üben wir das durch Dart spielen, Becher stapeln oder Tischtennis. Jonglieren gehört auch dazu und ist eine Sache, die man schnell und einfach lernen kann und dafür nutzen kann, sich kurz vor dem Wettkampf noch einmal zu aktivieren und seine Sinne zu schärfen. Bälle zuzuwerfen und kleine Reaktionstests zu machen, gehört bei uns zum Aufwärmprogramm dazu. Und das fängt bereits früh im Verein an, aber spätestens, wenn jemand in den C-Kader kommt, erwarte ich, dass er jonglieren kann. Außerdem macht es Spaß, man lacht dabei und man reduziert so die Spannung vor dem Wettkampf.“

Welchen Stellenwert har Koordinationstraining im Trainingsplan?
Glenz: „Jede Serie, die wir schießen, ist Koordinationstraining! Wenn ich meine Bewegung nicht koordinieren kann, dann kommt vorne nichts an. Durch das Schießtraining trainiere ich bereits die Koordination, denn es ist die Verbindung von einzelnen Phasen, die einen harmonischen Bewegungsablauf abgeben. Jede Serie muss daher koordinativ abgestimmt sein.“

Trainiert ihr jede Bewegung separat, um sie anschließend wieder zusammenzusetzen? Oder übt ihr immer den kompletten Bewegungsablauf?
Glenz: „Wir trainieren vom Leichten zum Schweren und vom Einfachen zum Komplexen. Zum Beispiel hat das schnelle Abziehen im Juniorenbereich eher Priorität als bei den Erwachsenen. Aber das wird schon einmal separat geübt, denn es kommt nicht darauf an, schnell abzuziehen, sondern vielmehr den Abzug auch schnell wieder loszulassen. Viele machen das anfangs falsch und bewegen den Finger schnell nach hinten, aber langsam nach vorne. Dabei sollte man den Finger schnell nach vorne und kontrolliert nach hinten bewegen. Das ist zum Beispiel ein komplexer Bereich der Koordination. Aber Schießen ist zu 100 Prozent Koordination.“

Zu den koordinativen Fähigkeiten, die ein Schnellfeuerschütze benötigt, gehört auch die Reaktionsfähigkeit…
Glenz: „Diese trainieren wir z.B. mit dem Computerprogramm ‚Steps‘. Einfach- und Unterscheidungsreaktionen können hier getestet und trainiert werden. So muss man beispielsweise plötzlich erscheinende Punkte auf dem Monitor mit der Maus anklicken. Es hat sich gezeigt, dass Schnellfeuerschützen meistens eine gute Reaktion haben. Doch sind Flintenschützen genauso gut, wenn es um Reaktions- und Antizipationszeiten geht. Im Anfängerbereich kann man mit simplen Tricks arbeiten, indem der Trainingspartner z.B. einfach einen Ball fallen lässt und der andere ihn auffangen muss.“

Kann man sagen: Je besser die Reaktionszeiten, desto besser die Leistung des Schützen?
Glenz: „Nein. Das ist einer von vielen Faktoren. Was nutzt dir eine schnelle Reaktionszeit, wenn du nicht weißt, was du damit anfangen sollst. Es gibt die Einfachreaktion auf ein einfaches Signal, was aber auch entscheidend ist, ist die Unterscheidungsreaktion, um zu wissen, ob das rot oder grün ist, damit ich auch die Information, die ich bekomme, verarbeite. Was zudem entscheidend ist, ist die Auffassungsfähigkeit. So gibt es Sportler, die nicht überragend in ihrer Reaktionszeit sind, aber die sich trotzdem im absoluten Top-Bereich befinden. Wichtig ist, dass man überall gut ist und nirgends eine Schwäche hat. Es hilft dir nichts, wenn du in der Reaktionszeit weltklasse bist und in der Informationsverarbreitungsgeschwindigkeit eine Schnecke. Ein Christian Reitz hat natürlich herausragende koordinative Fähigkeiten, aber das alleine ist es nicht.“

Welche koordinativen Fähigkeiten wären für Sie die wichtigsten im Schießsport?
Glenz: „Es gibt keine singuläre Eigenschaft, die ausschlaggebend ist. Du darfst nur nirgends einen Ausfall haben.“

Wie wirkt sich eine verbesserte Koordination auf die Leistung aus? Warum sollte man seine Koordination trainieren?
Glenz: „Eine bessere Gesamtkoordination bewirkt, dass die Voraussetzungen besser werden, auch ein Ergebnis auf die Scheibe zu bringen. Natürlich spielen da mentale Fähigkeiten usw. auch eine Rolle. Aber das eine geht ohne das andere nicht. Ohne Koordination geht nichts. Ohne Koordination kannst du keine Tasse Kaffee trinken. Jede Serie, jeder Schuss setzt ein hohes Maß an koordinativen Fähigkeiten voraus.“

In Moment bleibt es den meisten Schützen verwehrt, auf dem Schießstand zu gehen. Wie kann man seine Koordination zuhause trainieren?
Glenz: „Ich bin kein Freund von Computerspielen, bei dem ja auch Koordination und Reaktion gefragt ist. Mir wäre lieber, wenn die Kinder Seilspringen oder Purzelbäume vorwärts und rückwärts machen. Es geht um jede Form von Bewegung. Das ist nicht nur fürs Schießen gut, sondern ganz allgemein. Und gerade diese allgemeinen Dinge wie Tischtennis, Jonglieren und Becher stapeln helfen am Ende, deine koordinativen Fähigkeiten zu schulen. Im Endeffekt zählt aber, was auf der Scheibe ankommt. Und: Wer trifft, hat recht.“

Ein letztes Wort zum Thema?
Glenz: „Fangt früh an, die koordinativen Fähigkeiten zu schulen, denn bereits im Jugendbereich werden die Grundlagen geschaffen. Und wer in den Schnellfeuerkader will, der muss jonglieren lernen.“

Weiterführende Links

Bild: Detlef Glenz appeliert, bereits frühzeitig mit dem Koordinationstraining im Verein zu beginnen.

Quelle: Deutscher Schützenbund
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